Andere Länder, andere Sitten?

Auch wenn Argentinien für südamerikanische Verhältnisse europäisch und vertraut wirkt, sind die 11000 Kilometer und der Einfluss verschiedenster Kulturen in vielen Dingen doch zu spüren. Manches ist besser, anderes schlechter, das Meiste aber einfach nur anders.
Was mir dabei im Alltag besonders auffällt, soll dieser fiktive aber durchaus mögliche Tag veranschaulichen.
Beginnen tut er mit dem morgendlichen Weg zur Bushaltestelle. Dabei laufe ich in der Regel auf der Straße, denn Fußwege sind keine Selbstverständlichkeit, zumindest außerhalb der Stadtzentren.
Meistens dient der Platz zwischen Straße und Grundstück vorrangig als Parkplatz wie bei meiner Gastfamilie, manchmal auch als Graben für den Wasserabfluss oder als Standort von Bäumen.
Die Straßen sind aber ausreichend breit, sodass man am Rand laufen kann ohne mit Autos oder den allgegenwärtigen Mopeds/Motorrädern in Konflikt zu kommen. Offiziell gilt natürlich auch in Argentinien die Helmpflicht, aber in der Realität ist der Anteil der Fahrradfahrer mit Helm in Deutschland höher als der von Motorradfahrern mit Helm hierzulande. Nach fünf Minuten kreuzt mein Arbeitsweg dann eine Tankstelle.
Während die Polizei das (Nicht-)Tragen des Helmes kaum kontrolliert, wird man an der Zapfsäule ohne solch einen gar nicht erst bedient.
Kein Helm, kein Benzin! lautet die Devise- eine gute Regelung wie ich finde und immerhin ein kleiner Beitrag zur Verkehrssicherheit.
Angekommen an der Haltestelle hoffe ich dann, nicht gerade meinen Bus verpasst zu haben und verbringe die Wartezeit mit Kopfhörern im Ohr. Mütter dagegen nutzen diesen Zeitraum gerne um ihre Kinder zu stillen. Dies scheint hier völlig normal zu sein, denn fast jeden Tag sieht man so etwas in der Öffentlichkeit, ohne dass es sonderliche Aufmerksamkeit unter den Argentiniern hervorruft.
Damit mein Bus mich dann auch mitnimmt, muss ich als Haltesignal meinen Arm ausstrecken, was am Anfang ungewöhnlich war, mittlerweile aber eine Selbstverständlichkeit ist.
Bezahlen tut man mit der sogenannten Sube, einer Chipkarte, die man wie Prepaid-Telefonkarten in Kiosken und Lotterien aufladen kann. Man nennt dem Busfahrer sein Ziel, der drückt einen Knopf, die Sube wird an ein Kartenlesegerät gehalten und der Betrag automatisch abgebucht.
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Das funktioniert hervorragend und ist der landesweite Standard in allen Bussen, Nahverkehrszügen und der U-Bahn in Buenos Aires.
Verpassten Schlaf kann ich aber leider nicht nachholen, denn spätestens nach 500 Metern werde ich unsanft geweckt wenn der Bus wieder eine der Huckel zur Geschwindigkeitsbegrenzung überfahren hat. Während man so etwas in Deutschland wenn überhaupt auf Parkplätzen von Einkaufszentren sieht, gehören diese Huckel hier fest zum Straßenbild dazu. Die Busfahrer scheint das nicht zu stören, denn manchmal trinken sie sogar während der Fahrt Mate-Tee, das argentinische Nationalgetränk. Dazu wird Tee der Yerba-Pflanze in ein Trinkgefäß, die Kalabasse, gefüllt und immer wieder mit heißen Wasser aus der Thermoskanne übergossen. Trinken tut man das ganze durch einen Strohhalm, die Bombilla .
Deshalb ist Argentinien wahrscheinlich so ziemlich das einzige Land der Erde, in dem Kioske heißes Wasser verkaufen!
Viele Frauen beziehungsweise Mädchen bekommen hier deutlich früher als in Deutschland ihren Nachwuchs. 14-Jährige Mütter sind keine Seltenheit und werden auch nicht als unnormal angesehen. Des Weiteren ist die Kinderanzahl pro Frau gerade in den unteren Bevölkerungsschichten höher als bei uns.
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So hat der kleine Junge auf dem Foto zum Beispiel noch elf Geschwister, und manchmal füllt sich die Casita schlagartig um ein halbes Dutzend wenn gerade wieder Kinder der Familie angekommen sind. Zu diesem Kinderreichtum trägt auch ein Gesetz bei, durch das Mütter nach ihrem achten Kind unabhängig von ihrem Alter sofort und lebenslang ihre Rente erhalten.
Wenn ich nach der Arbeit mit 80 Pesos(circa 5€) einkaufen gehe, bekomme ich dafür in der Carniceria ein Kilo bestes Rindersteak, während es zum Beispiel beim Eismann dafür nur 800 Gramm Schokoladeneis geben würde.
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Obwohl die Preise in der letzten Zeit enorm gestiegen sind, ist Fleisch noch immer sehr günstig und Bestandteil fast jeder Mahlzeit. Vegetarier wie meine Gastschwester haben es da schwer…
Ein Bier zum Abschluss des Tages darf ich nur zu Hause oder in der Gaststätte trinken, öffentlicher Alkoholgenuss wie es zum Grillen im Park eigentlich dazugehört ist leider verboten.
Am heimischen Küchentisch kann ich dabei aber wenigstens Fußball gucken.
Unter dem Slogan „Fútbol para todos“ (Fußball für alle) überträgt das argentinische Fernsehen zahlreiche Spiele, und auch ohne teures Premium-Abo kann man hier spannende Partien sehen.

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